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Müssen wir wieder lauschen lernen?

von Uwe Wagner

Ich erinnere mich gut daran, daß Friedrich Jürgenson uns im Zusammenhang mit den Tonbandstimmen immer das Lauschen anempfohlen hat. Ich habe das damals mehr als rhethorische Floskel aufgefaßt. In unserer heutigen Zeit aber denke ich, hat der Begriff des Lauschens eine ganz besondere Aktualität.

Wir leben in einer Zeit der akustischen Reizüberflutung. Diese haben wir in der Umwelt, in den Medien, speziell im Fernsehen. Gehen Sie heute irgendwo in eine Fußgängerzone, und Sie werden von Lärm überflutet, vom Lärm überrumpelt. Gehen Sie in ein Radiogeschäft und Sie werden mit irgendwelcher Musik überfallen, ob Sie das wollen oder nicht. Wenn Sie sich in Ruhe nach einer CD umsehen wollen, dann ist Ihnen die Ruhe sehr bald genommen, weil Sie akustisch zugedröhnt werden und Sie am Ende nicht mehr wissen, was Sie eigentlich hier wollten.

Dasselbe gilt für Radio oder Fernsehen. In den guten alten Fernsehzeiten gab es zwischen den einzelnen Sendungen kurze Pausen, in denen das abgelaufene Programm von einer Sprecherin oder Sprecher ab- und angesagt wurde. Heute wird schon in einen vielleicht mit sanfter Musik ausklingenden Nachspann eines Films lautstarke Werbung eingeblendet, so daß der Zuschauer keine Zeit mehr zur Entspannung hat. Diese akustische Umweltverschmutzung bleibt mit Sicherheit nicht ohne Folgen für Geist und Seele.

Wir können diesen Zeitgeist nur beklagen, aber nicht ändern. Das alles brauchte uns als Tonbandstimmenforscher auch nicht weiter zu berühren, wenn sich dieser Zeitgeist der Hektik und der Lärmüberflutung nicht auch bei uns bemerkbar machen würde. So habe ich im letzten Jahr die Absicht gehabt, einige der Einspielgruppen zu besuchen. Ich bin an einer Tür stehengeblieben und gleich wieder zurückgeprallt, denn von drinnen war eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse zu hören. Da wurde eine Einspielung abgehört, aber in einer Lautstärke, die noch durch die geschlossene Tür in voller Lautstärke zu hören war. Das hat mich dermaßen abgeschreckt, daß ich davon Abstand genommen habe, diese Einspielgruppe zu besuchen.

Es wird bei uns vielfach zu laut abgehört. Viele Leute meinen offensichtlich, wenn sie ihre Einspielung abhören, daß sie diese besser verstehen, um so lauter sie sie aufdrehen. Das ist ein ganz fataler Irrtum. Sie machen sich ihre Ohren unnötig kaputt, wenn sie den Geräuschpegel zu laut aufdrehen. Sie hören es mit Sicherheit nicht besser.

Diese Abhörpraxis ist mit Sicherheit eine Folge der Lärmüberflutung. Darum ist es für uns als Stimmenforscher sehr wichtig, wieder mehr Stille um uns zu schaffen. Dann und wann sollten wir in die Oasen der Stille flüchten, die ja überall sein können: in unserem Wohnzimmer, auf einem ruhig gelegenen Balkon oder in einem Garten, wo es nur die Geräusche der Natur und keinen Lärm gibt.

Versuchen Sie dann und wann, sich in Stille einzubetten und gehen Sie erst dann an ihre Einspielungen heran. Darum müssen wir wieder das Lauschen lernen. Man beginnt einfach damit, in die Stille zu lauschen. Da kann man zwar noch keine Stimmen hören, aber wir können lernen, wieder in uns selbst hineinzuhören und auf das, was unsere Seele uns zu sagen hat - und die hat uns eine ganze Menge zu sagen. Wir müssen nur versuchen, in die Stille zu gehen und wieder das Lauschen lernen.

Der logische Folgeschritt ist, daß wir die Lautstärke beim Abhören möglichst gering halten. Auch sollten wir wieder auf das Abhören mit Kopfhörern zurückgreifen, dies natürlich auch nur mit möglichst geringer Lautstärke. Hören Sie so leise ab, wie sie können, ohne daß Ihnen etwas verlorengeht, was von drüben kommt. Viele haben die Erfahrung gemacht, daß man mit Kopfhörern viel intensiver hört, weil man ja abgeschirmt ist und sich viel besser auf das Hören von vielleicht leisen Signalen konzentrieren kann.

Hat man die Kunst des Lauschens erst einmal wieder erlernt, so wird man sie nicht mehr missen wollen. Dann ist es nur die logische Konsequenz, das Erfahrene an Neulinge weiterzugehen. Oft habe ich feststellen müssen, daß Neulinge mit falschen Abhörpraktiken in die Stimmenforschung eingeführt worden sind. Denn in den einschlägigen Büchern wird immer vor einem zu lauten Abhören gewarnt. Achten Sie also darauf, daß Neulinge von Anfang an daran gewöhnt werden, die Lautstärke beim Abhören so gering wie möglich zu halten. Das wird nicht immer leicht sein, da fast alle Menschen heute dazu neigen, ihre Radio- oder Fernsehgeräte zu laut einzustellen. Schlimmer noch diejenigen, die die Angewohnheit haben, mit Walkman auf der Straße herumzulaufen oder in der U-Bahn zu sitzen. Diese Menschen werden es am schwersten haben, sich an reduzierte Lautstärken zu gewöhnen.

Es ist also klar zu erkennen, wie wichtig die Kunst des Lauschens für uns ist. Genaugenommen ist sie für alle Menschen wichtig, für uns Tonbandstimmenforscher aber ist sie unentbehrlich, wollen wir nicht wichtige Mitteilungen unserer Freunde von drüben verpassen.


(Quelle: VTF-Post P 98, Heft 1/2000)