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Eine Begegnung der besonderen Art

Erfahrungsbericht von Theo Bleitgen

Liebe Leserinnen und Leser,

so interessant und anregend unsere Haupttagung in Fulda für mich persönlich auch ist, hinterläßt sie doch jedesmal eine Menge Lücken, die im Nachhinein oft nur unzureichend zu schließen sind.

Verantwortlich dafür ist unter anderem die "Zeit", die, wie das Ticken einer Uhr, ständig mahnt: "Weiter, weiter, weiter!". So gesehen kann der zum reibungslosen Ablauf einer Veranstaltung notwendige Zeitrahmen schon zu einer unangenehmen Begleiterscheinung werden. Denn verbleibt doch, bedingt durch die ständige Aufmerksamkeit für den technischen Ablauf der Tagung, nur sehr wenig Zeit, um das, was andere Tagungsteilnehmer in ausreichender Form genießen können, in Anspruch zu nehmen, nämlich: das Gespräch mit Gleichgesinnten!

Und so werden bedauerlicherweise alle Kontakte mit Tagungsteilnehmern und Technikerkollegen zu kurzen Blitzlichtern, die auch nach Ablauf der Tagung nur selten noch einmal aufflammen. Um der Wahrheit allerdings die Ehre zu geben, gibt es dabei natürlich auch ein paar Ausnahmen, aber, es bleiben eben Ausnahmen, und über eine solche möchte ich berichten.

Wenn ich diesen Beitrag mit dem Titel "Eine Begegnung der besonderen Art" versehen habe, dann möchte ich damit zum Ausdruck bringen, daß ich jahrelang an etwas - mehr oder weniger achtlos - auf unseren Tagungen vorbeigegangen bin. Die Rede ist von unseren sehbehinderten und blinden Mitmenschen allgemein, über die wir uns nur im Konfrontationsfalle etwas mehr Gedanken machen, im Besonderen jedoch von meinem Vorstandskollegen Uwe Wagner und seiner Frau Johanna, die beide schon seit vielen Jahren als Mitglieder im VTF tätig sind. Erst als Uwe Wagner vor einiger Zeit mit der Frage an mich herantrat, ob man das Filterprogramm CoolEdit nicht auch für Sehbehinderte aufbereiten könne, und seine Frau Johanna mit Begeisterung von ihrer Arbeit mit dem MiniDisk-Recorder sprach, wurde mir etwas ins Bewußtsein gerufen.

Aber auch das Zusammentreffen in Fulda mit drei an unserer Forschung interessierten Menschen, von denen nur einer noch ein paar Prozent seines Hör- und Sprachvermögens besaß, die anderen dagegen völlig taub waren und sich untereinander nur unartikuliert verständigen konnten, hat mir das Wort "behindert" deutlicher gemacht.

Körperlich behinderte Menschen fallen uns nämlich im täglichen Leben sofort auf, da sie, etwa mit ihrem Rollstuhl, fast überall dort erscheinen können, wo sich etwas tut, was sie sehen, hören und anfassen können. Was aber ist mit den anderen, z.B. den Blinden?

Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen dieser Menschen auf diversen Ausstellungen, in einem Kaufhaus, auf dem Flohmarkt oder gar auf einem überfüllten Volksfest gesehen zu haben. Und dennoch, sie nehmen auf ihre Art mit einer Intensität am Leben der sehenden Gesellschaft teil, die mich erstaunt und zugleich beschämt.

Aus diesem Grunde bin ich meinem Vorstandskollegen Uwe Wagner dankbar dafür, daß er das Amt eines Behindertenreferenten in unserem Verein übernommen hat, und daß ich aktiv an diesem Vorhaben teilhaben darf. Ich sehe nämlich in dem Bemühen, unsere sehbehinderten und blinden Mitglieder im Verein aktiv an unserer Forschung teilhaben zu lassen, eine besondere Art der Öffentlichkeitsarbeit, die sich nicht nur darin erschöpft, die ewig Gestrigen und Skeptiker überzeugen zu müssen. Was unsere beiden "Wagners" betrifft, so würde es den Rahmen dieses Berichtes sprengen, wollte man alle Stationen ihres Wirkens im VTF aufzählen. Und so möchte ich mich einmal darauf beschränken, über den Techniker in der Familie Wagner zu berichten, nämlich über Johanna!

Vor etwa 2 Jahren hatte von unseren VTF-Mitgliedern bestimmt kaum einer einen Gedanken an einen MiniDisk-Recorder verschwendet und selbst unsere Techniker, teilweise schon über diese Geräte informiert, träumten brav den Traum vom Kassettenrecorder weiter.

Johanna Wagner aber, die alle Höhen und Tiefen der Kassettenrecorder-Ära im wahrsten Sinne des Wortes durchlebt hatte und sich oft von einem geliebten, aber nicht mehr reparablen Gerät verabschieden mußte, hatte die unschätzbaren Vorteile der digitalen Technik frühzeitig erkannt und - genutzt. Sie hatte keine Vorurteile, daß der MiniDisk-Recorder etwa keine paranormalen Stimmen aufzeichnen könnte, sie hat es einfach ausprobiert und hatte Erfolg. Den größten Erfolg hatte sie allerdings dadurch, daß ihre Arbeit an den Stimmenbeispielen mit dieser Technik auf drastische Weise erleichtert wurde. Sei es das Schneiden, Verschieben, Teilen, Pausen einfügen, Organisieren und Umorganisieren von Stimmen oder auch nur Teilstücken davon, sie beherrscht heute diese Technik exzellent. Sie lernte es auch, ohne eine Bedienungsanleitung lesen zu können, weil sie darin die Vorteile für ihre Arbeit erkannt hatte, und vor allem, weil sie ihren Willen, es ohne Vorbehalte lernen zu wollen, als Antriebsfeder dafür benutzte. Hier wurde nicht voreilig etwas zerredet, sondern getestet.

Der Umgang mit einem 16-Kanal-Profimischpult, diversen Recordern, Bandgeräten, MiniDisk-Recordern, Zusatzgerätschaften, Kabeln mit unterschiedlichsten Steckerbeschaltungen usw. stellen für Johanna keine Probleme dar, die nicht zu lösen wären. Aber auch der notwendige Umgang mit der Theorie aus Technik, Akustik, Sprache und Musik ist für sie kein Hindernis, diesbezüglich ihre Arbeit und ihre Ziele zu vernachlässigen. Wenn man bedenkt, daß sie nach fast jeder Einspielsitzung ihre gesamten Gerätschaften fein säuberlich wieder verpackt und verstaut, dieselben für die nächste Aufnahme- oder Abhörsitzung wieder neu verkabelt und einpegelt, dann sollte man nicht meinen, daß dies alles von einer Frau bewerkstelligt wird, die von Geburt an blind ist. Und auch der neue professionelle MiniDisk-Recorder, den sich Johanna Wagner für ihre weitere Arbeit wünscht, wird eine erneute Herausforderung an ihr Können darstellen, ihr aber auch die Arbeitserleichterung bringen, die sie verdient hat.

Wir alle könnten an dieser Leistung ablesen, wie einfach wir es uns manchmal machen, indem wir so manches nicht einmal richtig ansehen. Darüber nachzudenken lohnt sich!

Und wenn ich zu Anfang meines Berichtes festgestellt habe, daß die Tagungen immer wieder bestimmte Lücken hinterlassen, so muß ich feststellen - sie hat eine davon schließen können denn: Ich hatte eine Begegnung der besonderen Art!


(Quelle: VTF-Post P 97, Heft 4/99)