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Digital kontra Analog?

Rückblick und Ausblick auf das Jahr 1996
von Theo Bleitgen

Es ist nach vielen Jahren relativ gleichmäßiger Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Tonbandstimmenforschung schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit das digitale Zeitalter auch in diesem Bereich seine Spuren hinterlassen hat.

Noch vor etwa zwei Jahren hätte kaum einer auch nur gewagt daran zu denken, seine Stimmen in einer solch hervorragenden Qualität hören zu können, wie es derzeit möglich genacht wird. Die uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten in der analogen Filtertechnik waren, zumindest für unsere bescheidenen Geldmittel, quasi erschöpft. Selbst wenn uns die professionelle Tontechnik hätte helfen können, es wäre bestimmt keiner bereit gewesen, sich auf so ein unsicheres Gebiet zu wagen.

Was wir aber auch als Tonmaterial für unsere Stimmenforschung benutzen, würde ein angehender Tontechniker im ersten Lehrjahr nicht einmal mit der Beißzange anfassen wollen. Ein Musiker, der sich privat mit der Herstellung von eigenen Musikstücken befaßt, sagte mir einmal in einem Gespräch, daß ich mich mit meiner Stimmenforschung in einem Ton- und Sprachsumpf bewegen würde, um dort nach Schätzen zu suchen. Diese Aussage war zwar freundschaftlich gemeint, aber ich erwiderte ihm darauf, daß, wenn er sich einmal ernsthaft auf die Suche in diesen benannten Sumpf begeben würde, er überrascht wäre, welche Schätze er für seine Lebensauffassung vermutlich daraus heben könnte.

Eine Überraschung anderer Art zeigte sich beim Filtern von Einspielungen, welche für unsere Mitglieder vorgenommen wurden. Begeistert von den technischen Möglichkeiten, die uns nach so vielen Jahren endlich zur Verfügung standen, wurde beim Filtern nun alles ausgenutzt, was technisch machbar war. Ging es doch in erster Linie zunächst einmal darum, soviel als möglich von unerwünschten Störungen zu beseitigen, um die paranormale Stimme lauter als sonst hören zu können. Dies war allerdings bei einigen Filterungen ein kapitaler Fehler. Denn damit wurden wir mit einem Problem konfrontiert, welches nicht in unsere Überlegungen einbezogen war, nämlich die Tatsache, daß noch bestimmte Anforderungen an die gefilterte Stimme gestellt werden.

So wird zum Beispiel von einigen gefordert, alle Störungen zu entfernen, ohne die paranormale Stimme auch nur im geringsten zu beschädigen. Andere wollen die Stimme, welche weit im Hintergrund einer Einspielung liegt und etwas verhallt ist, in den Vordergrund geholt haben, sie aber zur besseren Verständlichkeit ohne den Hallanteil hören. Eine dritte Kategorie möchte die gesamte Einspielung gesäubert haben, auf keinen Fall aber die Eigendynamik der Einspielung noch den Klangcharakter der paranormalen Stimme verändert haben. Vor soviel Wünschen und Forderungen muß die Filtertechnik mit dem Computer sowie auch derjenige, der die Filterung vornimmt, zunächst einmal kapitulieren.

In der professionellen Restaurationstechnik gilt als oberster Grundsatz zunächst einmal, den ursprünglichen Klang einer historischen Aufnahme weitestgehend zu erhalten. Künstlerische Feinheiten und der Klang alter Instrumente sollen erhalten bleiben, um akustisch etwas von dem zu berichten, was längst der Vergangenheit angehört und was dem Auge nicht mehr zugänglich ist.

So wäre denn auch der Forderung, die Stimme in ihrem ursprünglichen Charakter soweit zu erhalten, daß der Experimentator durch diese Stimme später immer wieder emotiomal an diese spezielle Einspielung erinnert wird, nichts entgegenzusetzen. Natürlich kann man, nach vorheriger Absprache mit dem Auftraggeber, gewisse Vorgaben berücksichtigen, sollte sich jedoch aber auch über folgendes im klaren sein.

Die Filterung einer Stimme in dieser Art ist mit einem erheblichen zeitlichen und technischen Aufwand gekoppelt. Auf der Basis einer Gefälligkeit als Vereinsmitglied ist hier nichts mehr auszurichten. Weiterhin steht die begrenzte private Freizeit, welche ohnehin mit der Grundlagenforschung mehr als strapaziert ist, einem Filtern im größeren Stil mit diesen Vorgaben entgegen. Erfreulicherweise gibt die Bestellung des neuen Filterprogramms als Sharewareversion, an mittlerweile etwa 20 eingetragene Mitglieder des VTF ausgeliefert, Anlaß zu der Vermutung, in absehbarer Zeit hier Abhilfe schaffen zu können. Das Filterprogramm Cool-Edit, nun auch in den Filialen der Firma Vobis für DM 15,- als frei kopierbare Sharewareversion erhältlich (oder kostenlos zum Downloaden; siehe Software zum Downloaden), stellt für die meisten Anwender die bisher optimalste Lösung dar. Man muß sich in Zukunft nur darüber klar werden, wo beim Filtern die Prioritäten gesetzt werden.

Legt man z.B. ganz speziellen Wert nur auf die Information, welche die paranormale Stimme wiedergibt, dann dürfte das Umfeld radikal entfernt werden, sogar mit dem Ergebnis, daß die Stimme ihren eigenen Charakter verliert. Soll die Einspielung aber als Beweisdokument oder als weiteres Forschungselement Verwendung finden, so ist eine andere Art der Filterung nötig.

In Wiesbaden, wo sich das Team mit weitergehenden Experimenten zur Grundlagenforschung befaßt, kommen diesbezüglich noch weitere, komplizierte und aufwendigere Programme zur Anwendung. So wird zum Beispiel ein Programm verwendet, welches alle in einem Tondokument enthaltenen Knackgeräusche, Pops, Klicks und Aussetzer automatisch ermittelt und diese dann auf Wunsch in entsprechender Stärke entfernt. Feinfühlig ermittelt das Programm die entsprechende Stelle, erkundet ein paar Mikrosekunden nach links und rechts der Störung das Umfeld, entfernt den Klick und füllt an dieser Stelle genau den entsprechend entfernten Zeitabschnitt aus dem benachbarten guten Material auf, welches dazu verdoppelt wird. Diese Änderungen im Mikrosekundenbereich sind selbst vom kritischsten Ohr nicht mehr auszumachen. Amplitude und Phase der eingefügten Stücke werden so genau berechnet und angefügt, daß auch am Bildschirm bei größter Auflösung nichts mehr zu erkennen ist. Nach der Restaurierung wird das Original mit der Filterung im 180-Grad-Phasenvergleich überarbeitet und das Resultat erscheint als Datei, die nur die ausgefilterten Teile enthält. Somit kann nachträglich kontrolliert werden, ob versehentlich etwas vom Original entfernt wurde.

Noch tiefgreifendere Einsichten in Einspielungen erlaubt uns ein weiteres Programm, welches die elektroakustischen und elektrischen Eigenschaften der Aufnahmeapparaturen untersucht und dokumentiert. Ohne die umfangreichen Möglichkeiten aufzeigen zu können, sei nur erwähnt, daß nun, ähnlich wie bei der Aufnahme mit Hinterbandkontrolle, die eingehenden Signale in Echtzeit von einem schnellen Rechner ermittelt und verarbeitet werden können. So kann zum Beispiel eine Zweikanalaufnahme im direkten Vergleich am Eingang phasengleich beobachtet werden. Mit feinfühlig einstellbaren Triggermöglichkeiten läßt sich zum Beispiel der zweite Kanal automatisch einschalten, erst wenn sich eine Änderung in bezug auf das Signal im ersten Kanal ergibt usw.

Dies alle geschieht auf digitaler Basis, wobei das analoge Signal immer noch als Grundlage für alle Messungen dient. So gesehen erscheinen Pro und Kontra zu gleichen Teilen gewichtet, und es gibt keinen Grund, die Digitaltechnik mit dem Computer zu vernachlässigen.


(Quelle: VTF-Post P 82, Heft 1/96)