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Das Universum und ich

Ein Essay von Fidelio Köberle

Wir sollten es uns abgewöhnen, hinter neuartigen Gedanken über scheinbar Alltägliches gleich Außenseiter und Aussteiger zu vermuten. Solche Gedanken können lebenswichtig sein, was hier versucht wird nachzuweisen.

Aus dem Nachdenken über die Beziehungen zwischen dem Universum und dem Ich ergeben sich neue Erkenntnisse. Unter »Universum« wird verstanden, alles das, was ist. Unter »Ich« wird natürlich nicht der Autor verstanden, sondern jeder einzelne Mensch als Körper-Seele-Einheit.

Der Mensch ist biologisch ganz eindeutig ein Produkt des Universums. Sein Organismus ist so geschaffen, daß er darin existieren kann. Zum Beispiel hat die Lunge eine solche Dimension, daß sie aus dem Luftgemisch, bestehend aus 80 Prozent unverwertbarem Stickstoff und 20 Prozent Sauerstoff, regelmäßig die notwendige Menge Sauerstoff aufnehmen kann. Bestünde unsere Luft zu 100 Prozent aus Sauerstoff, könnte die Lunge viel kleiner sein. Oder wir würden statt 16 bis 20mal nur etwa viermal in der Minute atmen. Wir sind aus Elementen zusammengesetzt, die in ausreichender Menge verfügbar sind, um uns zu erhalten und zur »reproduzieren«. Unser Organismus ist auf die Naturgesetzlichkeiten eingestellt wie Schwerkraft, Luftdruck, Klima usw.

Trotz dieser intensiven Einbindung in den Kosmos erleben wir uns als etwas vom Universum Isoliertes: "Ich bin ich!" Und hier fängt die Problematik an. Wir vergessen heute mehr denn je die Abhängigkeit unseres Lebens von der Beachtung der Naturgesetze. Die derzeitige Umweltproblematik hat hier ihren Ursprung. Wir zerstören unbekümmert unsere Lebensgrundlagen in der Luft, im Wasser und im Boden. Als ob wir ohne das alles leben könnten.

Die meisten Fehler sind für uns zu weit weg, als daß wir uns unmittelbar betroffen fühlen müßten. Wir erfahren davon aus der Zeitung oder dem Fernsehen. Wenn wir richtige Erstickungsanfälle bekommen würden bei Smog, würden wir deutlicher reagieren. Aber so sind das nur einzelne »subliminale Faktoren«, die erst in ihrer Summe Allergien auslösen. Deren komplizierte Analyse verwischt jede Spur, und unsere Empörung stößt ins Leere.

Bis jetzt wurde nur von den körperlichen Schäden gesprochen. Daß es aber auch psychische Schäden gibt auf Grund der Nichtbeachtung von psychischen Naturgesetzen, bedarf einer weiteren Erörterung. Die Natur hat uns nicht nur mit einem physischen Körper ausgestattet, sondern auch mit einer Seele. Selbst wenn wir nur den Teil unserer Seele betrachten, den wir mit dem Tier gemeinsam haben, ertappen wir unsere Zivilisation auf schrecklichen Fehlern. Außerdem lassen seelenlose Trabantenstädte kein Heimatgefühl aufkommen, das der Mensch braucht, um gesund zu sein.*

Die Scheidungsinflation unserer Tage erzeugt Millionen von neurotischen Kindern. Der Materialismus als Weltanschauung macht die Menschen wurzellos und letztlich krank.

Angesichts einer solchen Fülle von Fehlern, Versäumnissen und Irrwegen möchte man schier verzweifeln: Was kann man denn da überhaupt noch tun? Der Einzelne kann draußen wenig bis nichts bewirken. Er kann allenfalls in einer Gemeinschaft (Partei, »Greenpeace« usw.) indirekt etwas tun. Man kann aber mindestens einige Fehler vermeiden, wenn man sie einmal erkannt hat, und dadurch viele Schäden abweisen, die einen direkt treffen könnten. Hier müßte also gründliches Nachdenken einsetzen.

Ein wesentlicher Fehler ist - ganz generell gesprochen - unsere Abkoppelung vom Universum. Wir befinden uns in der Rolle des mythologischen Antäus, der unbesiegbar war, solange er die kraftspendende Erde berührte. Herakles besiegte und tötete ihn, indem er ihn vom Boden aufhob und erdrückte. Wir sind bereits »abgehoben« und deshalb in Gefahr.

Wie aber sieht unser Kontakt mit dem Universum aus? Wir leben in ihm, wir entnehmen ihm unsere Nahrung, und wir atmen seine Luft. Bei den beiden erstgenannten Kontakten haben wir wenig Möglichkeiten der individuellen Gestaltung bzw. Intensivierung. Anders ist es bei der Atmung.

Die Atmung ist an und für sich ein autonomer Vorgang, ähnlich dem Herzschlag. Im Schnitt müssen wir pro Minute soundsoviel Atemzüge machen. Das wird von unserem Atemzentrum gesteuert. Wenn wir uns aber einmal genau beobachten, stellen wir fest, daß wir sehr unregelmäßig atmen. Man spricht bildhaft etwa von »atemloser Spannung«, das heißt, seelische Faktoren beeinflussen unser Atemverhalten. Wenn unser Herzschlag so unregelmäßig wäre wie unsere Atmung, würde man von einer ernsten Krankheit sprechen. Die unregelmäßige Atmung bedeutet - und das ist wichtig - eine Störung der kontinuierlichen Beziehung zwischen dem Ich und dem Universum. Daß die Atmung etwas mit Gesundheit und Krankheit zu tun haben muß, erkennen wir daran, daß es soviele Atemtherapieangebote gibt (besonders im esoterischen Bereich). Durch bewußte, regelmäßige und vertiefte Atmung wird unter anderem ein Zustand der Gelassenheit und des Urvertrauens erreicht, der signalisiert, daß wir eingebettet sind in das große Ganze, an dessen kosmische Kraft wir wieder angeschlossen sind.

Wem dieser Gedanke zu mystisch oder zu spekulativ erscheint, der sei daran erinnert, daß er durch die Fakten gestützt ist. Wer an sich selbst die Befreiung durch richtiges Atmen erlebt hat, wird nicht mehr seinem intellektuellen Hochmut die Zügel schießen lassen, sondern dankbar und demütig anerkennen, was Eingeweihte schon immer gesagt haben. Das Bild des Antäus aus der griechischen Mythologie paßt durchaus auch in unsere Zeit, wenn wir den himmlischen Gschaftelhuber Herakles als Synomym sehen für unsere moderne Hektik, die den Menschen nicht zu sich selbst kommen läßt, die ihn abhebt vom Urgrund seines Seins. Antäus hat es nicht geschafft, Herakles zum Loslassen zu veranlassen, damit er wieder Bodenhaftung bekam. Solange er ohne Verbindung mit seiner Erdmutter Gaia war, war er ohne Kraft und konnte schließlich getötet werden. Wir dagegen können den Zustand ändern, wenn wir wollen. Wir sind nicht ausgeliefert. Wir können die lebensnotwendige Bodenhaftung aus eigener Kraft wieder herstellen. Ein Mittel dazu ist die bewußte, regelmäßige Tiefenatmung.

Wir merken uns also: Wir sind um so gesünder, stärker und schöpferischer, je mehr wir fortkommen von der flüchtig-oberflächlichen und unruhigen Flachatmung hin zu einer regelmäßig-gleichförmigen Tiefenatmung.

Erfahrungsgemäß helfen bildhafte Vorstellungen am besten bei der Verwirklichung derartiger Vorhaben. Wenn wir uns das Universum etwa als eine weite Fläche vorstellen, die aus einem grobmaschigen Gewebe besteht, dann können wir unser Ein- und Ausatmen ansehen als einen starken Faden, den das Ich durch dieses Gewebe zieht: Das Ausatmen bedeutet Hineinstechen, das Einatmen wieder Herauskommen des Fadens usw. Durch dieses fortgesetzte Hineinflechten in den Untergrund werden wir fest und unlösbar mit ihm verbunden und verhindern das schädliche Abgehobenwerden. Das Ich ist nun wieder ein integrierter Bestandteil des großen Ganzen und kein herumhuschendes Irrlicht mehr.

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* Gerade in diesen Tagen kann ich hautnah miterleben, wie die Düsseldorfer Bevölkerung aufatmet, seit das Herz ihrer Heimatstadt wieder am Rhein liegt. 


(Quelle: VTF-Post P 81, Heft 4/95)