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Der archimedische Punkt -
oder: Wie finde ich meine Lebensaufgabe?

Vortrag von Fidelio Köberle,
gehalten auf der Jahrestagung des VTF vom 14.-16.6.1990 in Fulda

Damit Sie mich auch einmal nicht als Tonbandstimmenmensch, sondern von einer anderen Seite her kennenlernen, aber natürlich auch und in erster Linie, weil ich das Thema für wichtig halte, spreche ich heute zu Ihnen über den archimedischen Punkt. Oder über die Frage: Wie finde ich meine Lebensaufgabe?

Damit Sie jetzt nicht den ersten Teil meines Vortrages dadurch verpassen, daß Sie in ihrem Gedächtnis nach verschütteten Schulkenntnissen kramen, um herauszufinden, "Was ist denn das, der archimedische Punkt?", will ich Ihnen gleich eine brauchbare Formulierung vorweg liefern. Archimedes war Mathematiker bei den alten Griechen und hat u.a. die Hebelgesetze entdeckt. In diesem Zusammenhang sagte er einmal: "Gebt mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, wo ich stehen kann, und ich werde sie aus den Angeln heben." Seitdem spricht man vom "Archimedischen Punkt" im übertragenen Sinn.

Wieso ich diesen so hervorhebe, das werden Sie später erfahren. Wir verstehen uns hier wohl alle im Raum als "Esoteriker". Und Esoteriker haben zumindest zwei feste Grundanschauungen:

1. Der Geist ist das Primäre, d.h., der Geist beherrscht die Materie. Es ist nicht umgekehrt, wie der Materialist meint.

2. Das Leben ist unzerstörbar. Es gibt keinen Tod. Nach dem Körpertod bleibt die Persönlichkeit, die Seele des Menschen, erhalten. Sie lebt weiter, nur eben in nicht materieller Weise. Das bedeutet also: Wir haben eine ewige Existenz, wir waren schon immer da, und wir werden immer da sein.

Wenn wir aber schon vor unserem uns bekanntem irdischen Leben existierten, in geistiger Form, und auch nach dem Tode wieder so existieren werden dann fragt sich der denkende Mensch: Wozu bin ich eigentlich auf die Erde gegangen? Welchen Sinn und Zweck hat diese Veranstaltung? Ich hätte ja genauso gut auch drüben bleiben können - in meiner angestammten Heimat gewissermaßen. Warum habe ich diese, sagen wir 80 Jahre Erdendasein, auf mich genommen?

Wenn man so weit ist in seinen Überlegungen, dann fängt es an, interessant zu werden. Wenn die Beschäftigung mit der Esoterik überhaupt einen Sinn und einen Wert hat, dann ist er hier zu suchen. Man wird nachdenklich und nimmt alles nicht mehr so gedankenlos hin wie bisher. Man erinnert sich auch, daß es immer wieder im Verlauf des Lebens eine innere Stimme gegeben hat, die Höheres von uns verlangte. Ich denke allein an die Phase der Idealgewinnung, der Entstehung der Ideale in der Pubertät. Wir können uns alle, wenn wir wollen, daran erinnern. Manchem ist die Erinnerung peinlich und das, was damals als Ideal uns so begeistet hat. Aber wir sollten es, wenn wir einige Zeit davon weg sind, uns noch einmal ins Gedächtnis rufen, denn diese Phase war wichtig. Das, was wir damals als Ideal empfanden, das empfanden wir nicht ohne Grund als so wichtig, daß wir glaubten, uns ihm verschreiben zu müssen.

Aber diese Anrufe der inneren Stimme hat man oft überhört. Ich stecke doch in so vielen Zwängen, aus denen ich nicht herauskam, da ist kein Raum mehr für ideale Träume. Diese innere Stimme, die wir aus Bequemlichkeit oder Feigheit immer wieder zum Schweigen gebracht haben, ist aber vielleicht das Wertvollste, was wir haben. Denn sie will erreichen, daß wir mit uns selbst zu Recht zufrieden sind. Wir kennen alle den modernen Begriff der "Midlife Crisis", der Krise in der Mitte des Lebens, welche viele Menschen, vielleicht die meisten etwa zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr, befällt; wenn etwa die Hälfte des Lebens vorbei ist, und man absehen kann, daß es im gleichen Trott bis zum Ende weitergehen wird. Dann kommt es doch zu Ernüchterung und Erschrecken.

Man kann sich nun nichts mehr vormachen. Die meisten haben einen sogenannten Brotberuf ergriffen, der keine Ideale befriedigen kann. Um nur ein Beispiel zu nennen, ich will niemand zunahe treten, aber wer zeitlebens Briefmarken am Schalter verkauft hat, bei dem wäre es Hochstapelei, wenn er das als Lebensaufgabe bezeichnen wollte. Das, was er macht, und was viele in ihrem Brotberuf machen müssen, das hätten nämlich unzählige andere auch machen können. Einige wenige allerdings hatten Glück. Ich hebe jetzt hier nur auf den Beruf ab, das gilt mehr für die Männer, aber es gibt ja auch viele Frauen, die berufstätig sind. Auf die Frauen müßte man noch separat eingehen. Aber lassen Sie mich das nur für den männlichen Teil sagen. Einige haben also Glück gehabt, und ihr Beruf ist identisch mit einer Lebensaufgabe, die den Namen verdient. Ich nenne etwa den Künstler.

Sie wissen alle, es gibt Künstler, die hungern lieber für ihre Kunst und wollen nur in diesem Beruf und für diese Berufung arbeiten, und lehnen jeden anderen Brotberuf ab, weil er sie ablenkt von dem, was sie schaffen wollen. Dann gibt es noch den Schriftsteller, den Dichter, den Schauspieler, den Maler und den Musiker. Aber einen idealen Beruf kann auch der Arzt, der Priester, der Politiker, der Lehrer haben. Also ganz so schlimm sieht es nicht überall aus. Aber auch da gibt es bei den Ärzten, bei den Politikern, bei den Priestern usw. auch solche, die es nur als Brotberuf sehen und nicht als Lebensaufgabe, wenn sie ehrlich sind, empfinden können.

Was ist aber zu tun, wenn man nun plötzlich oder schleichend erschrocken feststellt: Du hast ja gar keine Lebensaufgabe. Du hast dich durch die Verhältnisse in eine Rolle drängen lassen, die deiner nicht würdig ist. Du hast dich korrumpieren lassen von den Verhältnissen, manipulieren lassen von Mitmenschen, wie etwa früher, daß der Bauernsohn den Hof des Vaters übernehmen mußte. Er war einfach gezwungen, er kam da nicht raus. Du hast dich also manipulieren lassen, ohne daß es vielleicht notwendig war. Wenn man sich diese unangenehme Frage stellt, dann sind wir an dem entscheidenen Punkt, auf den ich kommen möchte.

Man sollte sich jetzt folgendes fragen:

1. Sieht man nicht vielleicht doch etwas zu schwarz? Urteilt man aus einer momentanen Verstimmung heraus und sieht seinen Beruf, der vielleicht doch gar nicht so dumm ist, zu negativ? Wenn aber auch bei längerem Nachdenken und Prüfen der negative Eindruck bleibt, dann wird es allerdings ernst, denn dann fangen Sie an, unruhig zu werden. Und diese fruchtbare Unruhe sollten wir nutzen. Jetzt kommt nämlich, und das ist wieder ein Schritt weiter, die Forderung des Delphischen Orakels zum Zuge: "Erkenne dich selbst". Bedenken Sie, dieses Wort stand über dem delphischen Orakel. Was sollte das bei dem Orakel? Da gingen Leute hin, die wollten die Zukunft wissen. Es wäre ein Thema für sich, darüber nachzudenken, aber immerhin sehen Sie hier: Auch wenn du die Zukunft wissen willst, mußt du wissen, wer dahin geht in die Zukunft, nämlich du selbst und du spielst auch eine Rolle, du bist auch ein Faktor in dem Spiel. Also mußt du dich selber erkennen, um die Zukunft "orakelgerecht" zu gestalten.

Was ich jetzt sage, klingt absurd und unsinnig, ist aber trotzdem richtig und von größter Bedeutung. Nämlich: Der für Sie wichtigste Mensch in diesem und anderen eventuellen Leben, der für Sie wichtigste Mensch sind Sie selbst. Nicht Vater, nicht Mutter, nicht Partner, nicht Kind, nicht Chef, nicht Kaiser oder Kanzler. Sie selbst sind für Sie der wichtigste Mensch. An diesen Menschen sind Sie, der Sie selber sind, mit stählernen Ketten gefesselt. Ihm können Sie sich nicht entziehen, etwa so, wie Sie sich innerlich und äußerlich von anderen Menschen entfernen könnten. Es ist also notwendig, unbedingt notwendig, daß Sie diesen Menschen, der Sie selber sind, näher kennenlernen, weil Sie ja unbedingt mit ihm rechnen müssen, wenn Sie etwas ändern wollen.

Denn bisher haben Sie sich ja treiben lassen, wenn die Voraussetzungen stimmen, die ich eben genannt habe. Um vom Objekt zum Subjekt zu werden, muß man etwas wissen, was man bisher nicht wußte, nämlich sich selber richtig einschätzen und kennenlernen. Man müßte also jetzt machen eine nüchterne und objektive Bestandsaufnahme über sich selbst.

Wer bin ich, welche positiven, welche negativen Eigenschaften habe ich? Was kann ich, was kann ich nicht? Wichtig ist aber auch die Bestandsaufnahme der Umwelt, welche Menschen hängen von mir ab, für die ich verantwortlich bin, welche materiellen Möglichkeiten habe ich? Wie frei kann ich mich überhaupt noch bewegen? Es gibt Zwänge, aus denen man einfach nicht herauskam, so daß also Rahmenbedingungen gegeben sind, und dann wird es auch noch zusätzlich schwierig. Wir müssen also uns selbst und alles, was mit uns zusammenhängt, ernst nehmen. So bekommt man nach und nach ein immer klarer werdendes Bild von dem, was ich die "Individuelle Konstellation" nennen möchte, die für jeden Menschen anders ist. Individuell heißt für jeden anders, für jedes Individuum gibt es eine andere Konstellation. Konstellation heißt das Insgesamt von Eigenschaften und Umständen. Sie ist gewissermaßen das Kapital, mit dem ich wuchern kann, das ich einbringen kann in meine noch zu suchende Lebensaufgabe. Ich habe sie ja noch nicht.

Aber wo ist sie denn meine Lebensaufgabe? Wozu habe ich mir jetzt die Mühe gemacht, das ist ja nicht einfach, es tut manchmal weh, diese meine individuelle Konstellation zu finden, wenn ich nicht weiß, was ich damit erst anfangen soll? Die individuelle Konstellation kann mir natürlich nicht sagen, welches Ziel ich ansteuern soll, sie ist vielmehr mein Werkzeug und zeigt mir einen Weg, wie ich das noch zu suchende Ziel erreichen kann. Sie ist nicht mehr als etwa ein Hammer, der da liegt, mit dem kann ich dies und das anfangen. Und genauso ist auch die individuelle Konstellation, mit allem was mich betrifft, eine Möglichkeit. Aber wo ich sie ansetze, das ist erst zu fragen und herauszufinden. Wie erkenne ich also meine Lebensaufgabe und welchem Ziel soll ich dienen? Falsch wäre es zu sagen, wie das unter Esoterikern so üblich ist, das halte ich für vollkommen falsch, "Ich will mich höher entwickeln". Das ist genauso, wie das der berühmte Baron von Münchhausen gemacht hat, als er im Sumpf steckte und sich am eigenen Zopf herauszog. Das geht nämlich nicht. Ich kann mir nicht vornehmen, ich will mich höher entwickeln, sondern das ist der Lohn, den ich empfange, wenn ich meine Lebensaufgabe erfülle. Der Lohn ist die Höherentwicklung, das kommt am Ende dabei heraus. Aber als Ziel ist es absolut untauglich und ist ein Circulus viciosus, der zu nichts führt. Die Antwort auf die Frage nach der Lebensaufgabe kann nie von außen kommen, niemand kann mir sagen, du mußt das und das machen. Denn so steckt keiner in mir und in meinen Verhältnissen und in meiner individuellen Konstellation drin, wie ich selber. Man kann sie also nur lösen, durch ein ständiges In-sich-Hineinhorchen, in einem Abfragen der inneren Stimme, durch ein Sich-Erinnern an frühere ideale Aufwallungen, die wir ruhig nochmal ins Gedächtnis rufen sollten, wenn sie auch vielleicht ein bißchen peinlich sind, weil es zu pathetisch war und wir möglicherweise falschen Propheten aufgesessen waren, aber es kann trotzdem noch ein sehr wertvoller Kern drin stecken, und das müßte man erst klären, nicht gleich verwerfen. Auch gründliche Analyse hilft. Zum Beispiel: Was ist für die Menschen heute wichtig? Was leidet not? Wo ist Not am Mann? Was muß unbedingt anders werden in meiner Umwelt oder in der Welt überhaupt? Wer also diese ganzen Fragen sich mit dem nötigen Ernst stellt, wird immer näher an seine Lebensaufgabe und an die Vorstellung davon herangeführt.

Man kann das nur so abstrakt, wie ich es jetzt sage, tun. Es gibt kein Rezept. Die innere Stimme ist die Instanz, sie gehört ja zu Ihnen, die innere Stimme ist entweder, wie Sokrates sagte, ein Dämon, also ein Geistwesen, oder Ihr höheres Selbst, wie wir das nennen wollen, oder ist zusammengesetzt aus Erfahrungen, die teilweise im Unbewußten sitzen. Jedenfalls ist diese innere Stimme die Instanz, die Ihnen weiterhelfen kann, und man lernt mit ihr umzugehen. Es gibt Menschen, die wollen keine Lebensaufgabe, denen ist das Hinplätschern ganz angenehm bis an ihr seliges Ende.

Ist aber dann die Lebensaufgabe endlich gefunden, der Begriff, die Vorstellung davon, wie sie sein könnte, dann kommt das zum Tragen, was ich den archimedischen Punkt nenne, dann kommt der zur Anwendung.

Ich erinnere noch einmal an den Text "Gebt mir einen festen Punkt außerhalb der Erde, wo ich stehen kann, und ich werden sie aus den Angeln heben." Archimedes hatte ja die Hebelgesetze entdeckt und er meinte, natürlich im übertragenen Sinne, wenn ich kleiner Mensch, irgendwo draußen im Weltall, einen festen Punkt habe, und dann noch einen richtigen Hebel, schön lang, und kann ihn irgendwo aufstützen, dann kann ich die Erde aus ihrer Bahn kippen. Er wollte also damit sagen, und ich deute es so aus: Es gibt einen Punkt, wo wir die größtmögliche Wirkung erzielen können. Ein paar Millimeter daneben kann es absolut fruchtlos sein, weil es nicht greift, weil es zu schwer oder einfach undurchführbar ist. Wir müssen also auch noch klug sein, jetzt den archimedischen Punkt zu finden aus unserer individuellen Konstellation, die ja auch etwas bedeutet. Es ist ein ganz spezielles Werkzeug, und mit dem muß ich jetzt auch noch den Punkt finden, wo ich ansetze, wenn ich weiß, wo ich hin will. Ich habe ja auch nicht mehr so furchtbar viel Zeit, ich muß auch berücksichtigen, daß ich das noch zu Lebzeiten schaffe. Nehmen wir an, ich bin 50, dann habe ich noch 30 Jahre vor mir, und am Schluß werde ich auch schwächer. Also, ich muß es schon sinnvoll machen.

Ich schließe das jetzt ab, diesen mehr theoretischen und abstrakten Teil und möchte es Ihnen ein bißchen plastischer machen, damit Sie sehen, daß so etwas auch realisiert worden ist und realisiert werden kann, an Beispielen von Persönlichkeiten, die ihre Lebensaufgabe und den archimedischen Punkt klar erkannt haben, und die auch für uns nachvollziehbar sind.

Ich nenne z.B. Christoph Columbus. Jeder kennt ihn. Er war ein einfacher Mann, er hatte Leineweber gelernt, ging als Schiffsjunge zur See, war aus Genua, einer Hafenstadt in Italien und hat sich bis zum Kapitän hochgearbeitet durch Selbststudium und er wurde eines Tages als Schiffbrüchiger an Land gespült. Landete in Portugal, besaß nichts mehr und mußte seinen Lebensunterhalt als Kartenzeichner verdienen. Da kam er in Berührung mit der Idee, die Erde sei keine Scheibe sondern eine Kugel. In ihm reifte der Gedanke: Ja, mein Gott, man könnte doch Indien, was als reiches Land galt, aber furchtbar weit weg und schwierig zu erreichen war, weil die Türken den Landweg versperrt hatten, und man mühselig um Afrika herumfahren mußte, man könnte, wenn die Erde wirklich eine Kugel ist, links herumfahren, also westwärts. Und er ist dem Königshaus auf die Nerven gefallen: "Gebt mir doch ein paar Schiffe und rüstet mich aus, ich will euch die Westpassage nach Indien entdecken!" Da hatte er aber kein Glück, und er hat es in Spanien versucht, aber die hatten auch gerade mit den Mauren zu tun, und da war kein Geld mehr in der Kasse. Man hatte auch andere Sorgen, man wollte erst mal die Araber aus dem Land haben. Aber schließlich, nach insgesamt 12 Jahren Antichambrierens gelang es ihm, eine armselige Flotte von drei Schiffchen zu bekommen und eine Besatzung von hundert Mann, und fuhr los. Er hatte Glück, daß Amerika im Wege lag, denn er hatte sich die Erde kleiner vorgestellt. Wenn Amerika nicht dagewesen wäre, wäre er mit Mann und Maus umgekommen, denn der Weg war viel zu weit. Er hat sowieso schon tricksen müssen, damit die Mannschaft nicht meuterte, und hat ihnen gesagt, wir sind noch gar nicht so weit. Er hat also die Aufzeichnungen gefälscht, damit keine Unruhe entstand. Im letzten Moment wurde Land gesichtet. Er hat also noch Glück gehabt, aber Sie sehen hier, wie ein Mann wie du und ich, nichts Besonderes, wie der eine Idee hatte, die wichtig war. Denn durch das Zeitalter der Entdeckungen, das jetzt folgte, kam die Aufklärung, kam die Naturwissenschaft. Es hängt alles damit zusammen, daß auf einmal die Welt groß wurde und die Menschen neue Perspektiven bekamen. Er hatte eine weltbewegende Leistung vollbracht, obwohl er es selber gar nicht mehr mitbekommen hat, er glaubte ja, er wäre in Indien gelandet.

Oder nehmen wir Mahatma Gandhi, diesen kleinen Hindu, der als unbedeutender Rechtsanwalt in Südafrika eine Praxis hatte und der sah, wie die Rassendiskriminierung die Menschen quälte, und er hatte sich vorgenommen, das möchte ich ändern und vor allen Dingen in meiner Heimat. Aber er hat auch seine individuelle Konstellation erforscht und er hat sich gesagt, ich bin kein General, ich kann also in Indien, wo eine Handvoll Engländer mein Volk von hundert Millionen unter der Knute hält, ich kann nicht als General oder Heerführer oder Revolutionär etwas machen. Ich bin Hindu, ich bin gegen Gewalt, also muß ich mir etwas überlegen, was ich tun kann. So kam er auf die Idee des gewaltlosen Widerstands. Gegen den waren die Engländer machtlos.

Sie kennen die Geschichte mit dem Spinnrad. Er setzte sich als Vorbild hin und arbeitete am Spinnrad, um das englische Monopol in der Textilwirtschaft (Manchester) zu brechen, und viele haben es ihm nachgemacht, heimisches Material zu verspinnen und sich daraus Kleider zu machen. Damit hat er gezeigt, daß auch der einfache Mann in Indien, der Gewaltloskeit wünscht, eine Macht sein kann.

Als er dann zur Salzgewinnung aufrief, da waren es schon Millionen, die das Salzmonopol brechen halfen. Auf diese Weise hat dieser Mann seine Vision verwirklicht. Er hatte erkannt, so kann ich es machen, da ist der archimedische Punkt, das ist das, was ich zur Verfügung habe, und da ist die Aufgabe und es hat geklappt. Ja, Indien ist frei.

Denken wir an Henri Dunant, den Mann, der das Rote Kreuz geschaffen hat. Er kam als Kaufmann nach Italien, wollte Napoleon III, also den Franzosenkaiser, sprechen, und wollte von ihm eine wirtschaftliche Konzession haben, um irgendwo in Afrika Geschäfte machen zu dürfen. Er kam zufällig in die Schlacht von Solferino: Er war damals 31 Jahre alt und sah das entsetzliche Elend von zehntausenden von Verwundeten, die ohne Hilfe waren, damals gab es keine organisierte Versorgung von Verletzten. Da faßte er die Idee, hier muß etwas geschehen, wenn Kriege sind, muß es eine Organisation von Helfern geben, die den armen Verwundeten, ganz gleich welcher Nation sie sind, helfen und es muß eine Konvention geben, die international anerkannt wird, daß solche Helfer überall zugelassen sind, wenn sie sich ausweisen durch eine Binde, oder eine Fahne. Dann gab es schließlich die Genfer Konvention, die geholfen hat, so viele Menschenleben zu retten und Leid zu lindern.

Oder aus unserer Zeit Michael Gorbatschow. Dieser kleine Mann, er war ja auch nichts Besonderes: KP-Funktionär, was ist das schon? Was dieser eine Mann in kürzester Zeit bewirkt hat, z.B. unsere Einheit wäre ohne ihn nicht gekommen. Und was sich überhaupt tut, Abrüstung, Friede, kein Mensch hat heute mehr Angst vor der Atombombe und einem dritten Weltkrieg. Also, es gibt viele Möglichkeiten.

Nun werden Sie mich fragen: Du hast uns hier historisch bedeutende Persönlichkeiten als Beispiele vorgeführt, die stehen im Lexikon oder sonstwo, jeder kennt sie. Hast du es nicht auch ein paar Nummern kleiner, damit es auch auf uns paßt? Etwa hast du dich selbst an deine Theorie gehalten?

Nun ich will Ihnen folgendes sagen: Neben meinem Studium von Psychologie und Tiefenpsychologie habe ich mich mit Parapsychologie und Jenseitsforschung beschäftigt. Ich erkannte nach und nach, daß letztgenannte Gebiete von immenser Bedeutung sind, weil sie helfen können, sogenannte letzte Fragen zu beantworten, an die andere Wissenschaften sich nicht herantrauen und die sie gern den Kirchen überlassen, also dem Glauben. Wer aber nicht blind glauben kann, und dazu gehörte ich, was andere ihm erzählen, wer wissen will, muß selbst forschen, um Antworten zu haben, auf die wichtigsten Fragen, z.B. welchen Sinn hat das Leben allgemein? Solche Fragen aus dem esoterischen Bereich halte ich für so immens wichtig, daß sie auch irgendwie in einen wissenschaftlichen Rahmen gehören. Dabei begegneten mir die Tonbandstimmen, und ich erkannte in ihnen ein Erkenntnismittel, das wissenschaftlichen Anforderungen genügen kann, wenn man es richtig macht. Nachdem ich aber Jürgenson und Raudive persönlich kennengelernt hatte, wußte ich, daß sie nicht in der Lage waren, der Tonbandstimmenforschung die Breitenwirkung zu verschaffen, die sie verdiente. Da mußte eine Organisation her, sagte ich mir. 1974 schlug ich öffentlich die Gründung des Vereins für Tonbandstimmenforschung vor und übernahm 1975 bei seiner Gründung den Vorsitz.

Ich tat es, obwohl ich mir auch meine individuelle Konstellation klargemacht hatte und feststellte, daß ich neben einigen für diese Aufgabe tauglichen Eigenschaften auch solche hatte, die gar nicht dazu passen wollten. Ich war damals ein introvertierter Stubengelehrter, der zwar schreiben, aber nicht reden konnte. Das Knüpfen von Kontakten fiel mir auch sehr schwer. Aber ich sah auch, daß irgend jemand diese Aufgabe übernehmen mußte, da sie wichtig war. Und daß ich es machen mußte, weil sonst niemand da war. Und so überwand ich mich und nahm mich in die Pflicht.

Nun gut, werden Sie sagen, nicht jeder kann einen Tonbandstimmenverein leiten. Das sollte ja auch nur ein Beispiel sein. Ich war damals 60 Jahre alt. Ich hätte auch denken können, in fünf Jahren gehst du auf Rente und bestellst nur noch deinen Garten und damit hat es sich. Es war und ist eine ungemütliche Arbeit, sie war vor wenigen Jahren noch ungemütlicher als sie heute ist, es ist ja besser geworden, aber da waren viele Jahre sehr sehr schwer. Ich habe es nicht vorausgesehen, vielleicht hätte ich doch gekniffen, wenn ich es vorausgesehen hätte. Ich bin unbeschadet daraus hervorgegangen. Nun bin ich froh, daß ich es gemacht habe. Es hat mich weitergebracht. Und so möchte ich, daß jeder von Ihnen, bei dem es jetzt ein bißchen geklingelt hat, sich zu Hause in Ruhe hinsetzt und nachdenkt. Gibt es nicht vielleicht für mich doch eine Aufgabe? Es muß nichts mit Geldverdienen zu tun haben. Es muß kein neuer Beruf sein, obwohl auch das drin ist. Man kann auch mit 60 noch einen neuen Beruf beginnen. Aber bitte denken Sie nach. Sie wollen ja zufrieden sein. Und wenn Sie im Innersten möchten, daß Sie sich höher entwickeln, bitte, dann geht es nur so. Wenn Sie also einen Drang spüren, aus dem Trott herauszukommen, in dem Sie vielleicht drinstecken, dann überlegen Sie, ob womöglich direkt vor Ihrer Nase eine Aufgabe ist, die Ihnen Befriedigung geben kann, wo Sie sich sagen, es lohnt sich. Und wenn Sie nur einem Menschen helfen. Sie müssen ja nicht gleich ein Henri Dunant sein, der Zehntausenden und Hunderttausenden hilft, oder ein Gorbatschow sein, der Millionen von Menschen die Angst vor dem Krieg genommen hat. Es gibt viele kleine Aufgaben, aber man sollte versuchen, aus dem gleichgültigen Trott, in den man sehr leicht versinkt, herauszukommen.


(Quelle: VTF-Post P 61, Heft 4/90)