Zurück zur Startseite
 Startseite   Kontakt   Impressum   English  Zitat von Friedrich Jürgenson

Tonbandstimmenforschung - ein Aufgabengebiet speziell für Blinde?

Referat unseres blinden Kollegen Uwe Wagner, Berlin,
gehalten auf der Jahrestagung des VTF 1979 in Fulda

Gestatten Sie mir zunächst einen kurzen Überblick über das Leben blinder Menschen in unserer Zeit.

Die Zeiten, da Blinde ein Dasein am Rande der Gesellschaft führen mußten, sind Gottseidank vorbei. Besonders in unserem Lande ist es gelungen, die blinden Mitbürger dem Ziel der gesellschaftlichen und beruflichen Integration näherzubringen, und das nicht nur durch soziale Maßnahmen des Staates, sondern vor allem durch zwei Dinge:

Die Gründung von Selbsthilfeorganisationen durch Blinde und die großen Fortschritte auf dem Gebiet der Blindenhilfsmittel, wobei in letzter Zeit vor allem elektronische Orientierungsgeräte Schlagzeilen machten.

Die wichtigsten Blindenhilfsmittel sind jedoch schon etwas älter. Am bekanntesten ist wohl die von dem Franzosen Luis Braille im vorigen Jahrhundert erfundene Blindenschrift, ein aus 6 Punkten bestehendes Schriftsystem, das mit den Fingern ertastet wird. Mit dieser Schrift war es nun zum ersten Mal möglich den Blinden Bildungsmöglichkeiten zu erschließen. Bis heute ist die Braille-Blindenschrift das wichtigste und am meisten verbreitete Hilfsmittel. Es können sogar Bücher gedruckt werden, die allerdings ein ziemlich großes Format haben. Auch müssen von den meisten Büchern mehrere Bände angefertigt werden. Ein klassisches Beispiel: die Bibel, Altes und Neues Testament, umfaßt 26 Bände in Blindenschrift. Ein Bücherschrank mit Blindenschriftbüchern würde also ein recht beachtliches Ausmaß haben. Ferner ist die Herstellung von Blindenschriftbüchern sehr kostspielig und aufwendig, so daß das Angebot im Vergleich mit den Ihnen zur Verfügung stehenden Büchern recht bescheiden ist. Vor allem können die Bücher nicht auf dem neuesten und aktuellsten Stand sein. Daher bedeutet die Erfindung des Tonbandgerätes auch hier wesentliche Fortschritte. Tonbänder - heute vor allem Kassetten - nehmen weniger Platz in Anspruch als riesige Blindenschriftbände.

So entstanden vor etwas mehr als 20 Jahren die ersten Blindenhörbüchereien. Hier werden Bücher auf Tonbänder gelesen und kostenlos an Blinde verliehen. Außerdem gibt es, noch spezielle Blindenzeitschriften auf Tonband die sich an bestimmte Zielgruppen wenden wie z.B. technisch interessierte Tonbandamateure oder auch etwa Hausfrauen. Neuerdings gibt es sogar eine wöchentlich erscheinende Tonbandzeitung für Blinde.

Nach diesem kurzen Überblick möchte ich auf unser spezielles Interesserigebiet kommen. Aus meiner Schilderung konnten Sie ersehen, daß viele Blinde schon mit dem Gebrauch des Tonband-Gerätes vertraut sind. Von der technischen Seite her haben wir die wenigsten Schwierigkeiten, in die Tonbandstimmenforschung einzusteigen.

Die Anfangsschwierigkeiten sind genau die gleichen wie bei Sehenden; nämlich das spezielle Heraushören der besonderen Sprechweise und Eigenart der Stimmen. Auch wir, deren Ohr naturgemäß besonders geschult ist, haben zuerst Schwierigkeiten, Stimmen aufzufinden. Aber mit etwas Training des Gehörs stellt man sich bald auf die besondere Klangart der Stimmen ein. Einen Vorteil hat man als Blinder, wenn man mit dem Radio einspielt. Viele Blinde sind bekanntlich sehr intensive Radiohörer und kennen sich auf den Wellen sehr gut aus. Sie kennen die Sender und deren Programme und oftmals sogar die Sprecher. So ist es möglich, schon von vorneherein manche Täuschung auszuschließen oder Umformungen als solche zu erkennen. Aber auch hier kann es Grenzfälle geben, in denen wir andere zu Rate ziehen müssen um dann gemeinsam zu entscheiden: Rundfunk oder paranormal. Eine andere Frage ist die nach dem Protokoll. Es ist für uns nicht möglich ein Protokoll nach Zählwerk zu führen. Wir können ledigllch die Stimmen einer Einspielung der Reihe nach, gegebenenfalls mit Stichwort eines von uns vorher gesprochenen Wortes oder einer gestellten Frage, aufschreiben. Oder wir machen es so, daß wir die Stimmen aus einer Einspielung gleich auf eine Kassette abkopieren, versehen mit Datum der Einspielung, Nennung der anwesenden Personen usw.

Dieser Protokollierungsmethode geben wir persönlich den Vorzug, weil nach unserer Erfahrung durch das Kopieren der Stimmen deren Hörbarkeit besser wird. So sieht der rein technische Verlauf der Forschung für uns aus. Aber das Besondere für uns als Blinde ist immer wieder das Wiedererkennen von Stimmen, die man aus dem Leben gekannt hat. Durch das Fehlen der Sehkraft ist das Erkennen der Stimmen unserer Mitmenschen von entscheidender Bedeutung. Das Erkennen der Stimmen unserer Mitmenschen ist mit Sicherheit das wichtigste Erkennungszeichen füir den Anderen; sie repräsentiert sozusagen den Mitmenschen. So ist es sicher nicht verwunderlich, daß das Wiedererkennen, vor allem der Stimmen Verstorbener, ein nicht mehr wegzudenkendes Erlebnis ist. Sicher sind auch Sehende vom Wiedererkennen einer lieben Stimme tiefberührt. Ich wollte hiermit nur zum Ausdruck bringen, welche besondere Bedeutung das Wiedererkennen von Stimmen für uns hat. Menschen, mit denen man gesprochen hat, und deren Stimmen plötzlich wieder auf dem Tonband zu hören sind! Man kann alles über Tonbandstimmen wissen und schon viele paranormale Stimmen vernommen haben, aber es ist jedes Mal fast eine Überraschung und ein Aufhorchen, wenn eine wohlbekannte Stimme zu hören ist. Solches Erleben wirkt nicht nur auf den Verstand, sondern es dringt in die tiefsten Schichten unseres Bewußtseins ein. Interessant ist hierbei vor allem die Entwicklung der Stimmen während ihres jenseitigen Dasein zu beobachten. Hier hilft es uns sehr, wenn man die Stimmen gut im Ohr hat. So konnten wir schon oft feststellen, daß so manche Stimme zu Anfang noch fast wie normal, d.h. wie gewohnt klang, bei späteren Einspielungen jedoch Veränderungen auftreten. Die Stimmen werden feiner, ja fast könnte man sagen jünger! Sie klingen dann immer körperloser.

Ein weiterer, wichtiger Anhaltspunkt ist für uns als Blinde die musikalische Eigenschaft der Stimmen. Wir alle kennen Beispiele von gesungenen Stimmen. Wir haben nun festgestellt, daß fast alle Stimmen eine Melodie haben. Selbst Flüsterstimmen, so paradox.das klingen mag, haben eine Melodie. Man kann also, wenn man auf eine paranormale Stimme stößt, diese am besten heraushören, wenn man lhre Melodie verfolgt. Zusammen mit dem speziellen Rythmus der Stimme erleichtert diese musikalische Abhörweise das Verstehen der Stimmen. Soweit unsere persönliche Erfahrung. Kann man also sagen, Tonbandstimmen, eine Aufgabe speziell für Blinde? Ich möchte diese Frage mit einem vorsichtigen Ja beantworten Viele Menschen glauben, daß Blinde aufgrund Ihrer Behinderung eine Art 6. Sinn hätten, sozusagen für die Stimmenforschung prädestiniert wären. Ich glaube, und bin dessen sicher, daß dies nicht der Fall ist. Auch Blinde müssen erst für diese Sache motiviert werden. Und das ist nicht so leicht wie es sich ausspricht. Blinde Menschen, das muß in aller Schonungslosigkeit gesagt werden, haben die selben Vorurteile diesen Dingen gegenüber wie Sehende. Aber auch unter ihnen gibt es Menschen, die sich einiges fragen und sich nicht mit dem bloßen Materialismus zufriedengeben.

Diese Menschen müssen erreicht werden und sie müssen vor allem richtig und sachgemäß informiert werden. Ich glaube nicht, daß die Publikationen der Massenmedien - in den bisherigen Sendungen fand ich das jedenfalls nicht - ausreichend richtige Informationen für Blinde hergeben. Hier wäre es gut, wenn der VTF selbst die richtigen Informationen für Blinde liefert. Die geplante Einführung in die Forschung für Blinde ist ein sehr guter Anfang. Man sollte aber dabei berücksichtigen, daß viele Blinde auch technisch sehr gut versiert sind, so daß man bei einer solchen Einführungskassette unbedingt Stellungnahmen zum Stimmenphänomen von Elektrotechnikern und Ingenieuren mit einfügt. Ich habe versucht, mit Blinden über Stimmenforschung ins Gespräch zu kommen und man hat mir eine ganze Reihe von technischen Gründen genannt, warum es die Stimmen nicht geben könne. Nur durch die Kenntnis einiger technischer Kommentare zum Stimmenphänomen war ich in der Lage, weiterzudiskutieren. Ich weiß, daß in unseren Reihen einige Technik-Experten sind. Vielleicht könnte jemand einen guten Beitrag für diese Einführungskassette machen. Darüberhinaus wäre es auch sehr wichtig, blinden Menschen die Literatur über die Stimmen zugänglich zu machen. Die bestehenden Hörbüchereien sind dazu nicht in der Lage, weil sie Prioritäten setzen müssen. Außerdem wird solche Literatur bei den leitenden Leuten der Hörbüchereien kaum auf Verständnis stoßen. Man möchte sich, wie man mir sagte, mit solchem Unsinn nicht befassen! Das Beste wäre also, daß der Verein zur Selbsthilfe greift und nach und nach eine eigene kleine Hörbücherei einrichtet, die die Stimmenbücher an interessierte Blinde verleihen könnte. Ich weiß, daß auch dies eine Frage der Zeit und des Geldes ist. Solche Dinge werden sich erst in geraumer Zeit verwirklichen lassen. Bis dahin möchte ich alle Kolleginnen und Kollegen aufrufen: Sollten Sie in Ihrem Bekanntenkreis einen blinden Menschen wissen, der sich für diese Forschung interessiert und so gut wie nichts darüber weiß, so lesen Sie ihm doch bitte den einen oder anderen Artikel aus einer Zeitschrift auf Band, damit er sich näher aber dieses Gebiet informieren kann.

Vergessen möchte ich aber nicht, abschließend für das bereits Bestehende zu danken. Die kleine Anzahl von Blinden, die Mitglieder im VTF sind, bekommen die VTF-Post auf-Kassette. Das ist für uns schon ein sehr großer Fortschritt, sind wir doch nunmehr in der Lage, intensiv am Vereinsleben Anteil zu haben.

Wir wissen die viele Mühe, die das alles macht, zu schätzen, und so möchte ich Herrn Köberle und seinen Helfern von hier aus herzlich danken.

Wenn es möglich wird, viele Blinde über unsere Forschung zu informieren, dann wird die Tonbandstimmenforschung ein spezielles Aufgabengebiet auch für Blinde sein.


(Quelle: VTF-Post P 16, Heft 2/79)